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Projekt

Brasil em cena. Theater & Performances aus Brasilien

 

Antragsteller/in

Hebbel-am-Ufer

Termin

30. Mai - 7. Juni 2006

Veranstaltungsort

HAU 1, 2, 3

Kooperation

Brasilianisches Kulturministerium

Inhalt

Zehn Tage lang wird das Hebbel am Ufer die brasilianische Theaterszene im Rahmen der „Copa de Cultura“-Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Kulturministerium und dem Haus der Kulturen der Welt vorstellen. Vorgesehen sind in allen drei Spielstätten des HAU 6 bis 8 unterschiedliche Produktionen aus Brasilien, die ein Spektrum verschiedener Theaterformen und - inhalte des Landes präsentieren.
Identität ist dem Vielvölkerstaat, der durch alle Klimazonen vom Amazonas bis in die Pampas reicht, immer schon ebenso sehr ein Rätsel wie eine Aufgabe gewesen. Portraitierte der berühmteste brasilianische Dramatiker, Nelson Rodrigues, in den 50er Jahren noch die Halbwelten von Rio de Janeiro und damit die Gesellschaft in einer der großen Städte an der Küste; arbeiteten sich Autoren wie darstellende Künstler während der Zeit der Militärdiktatur vor allem an systemkritischen oder ökonomischen Themen ab; und handeln die großen Telenovelas der brasilianischen Fernsehsender, die zumeist in Rio entstehen, vom vermeintlich unbeschwerten Liebesleben der so genannten Mittelklasse (so nennen sich die Reichen), so hat sich der Fokus brasilianischer Literatur und Theaterarbeit in den vergangenen Jahren zurückgewandt ins „interior“, ins Inland also, das geografisch gesehen das Zentrum des Landes darstellt, gesellschaftlich, ökonomisch und politisch aber Peripherie geblieben ist – trotz der Verlagerung der Hauptstadt ins Landesinnere, der Gründung Brasílias durch Präsident Kubitschek in den fünfziger Jahren.
Die großen Landschaften des Sertao, des Agreste, des Pantanal oder Amazoniens rücken wieder ins Zentrum des Interesses, Autoren aus diesen Regionen zählen zu den aktuell erfolgreichsten in ganz Brasilien, und Theatergruppen aus den Großstädten unternehmen anthropophage oder anthropolo-gische, mitunter geradezu akribische Forschungsreisen oder -projekte, um dem Leben im „interior“ auf die Spur zu kommen, die Grundlage der eigenen „entwurzelten“ Großstadtbiografie zu suchen.

Es zeichnen sich drei thematisch-ästhetische Schwerpunkte ab:
- Regionalität, Erinnerung, Subjektivität
- Urbanität, Gewalt, Drogenhandel und Obdachlosigkeit, Favelas in Vorstädten und Zentren, Stereotypen und Konfrontationen von „Mittelklasse“, Unterschicht, Armen
- Extase, Trance, Travestie; Überschreitung von Normen und Normalitäten

Der seit den 70er Jahren etablierte Regisseur und Theaterlehrer Marcio Aurelio gewann im vergangenen Jahr beinahe alle im Land ausgeschriebenen Theaterpreise mit der Uraufführung von „Agreste“, dem nach einer wahren Begebenheit entstandenen Erstlingswerk des jungen pernambucanischen Autors Newton Moreno über ein Ehepaar „auf dem Land“, wo die Frau nach dem Tod des Gatten feststellen muss, dass dieser in Wirklichkeit ebenfalls eine Frau war.
Morenos Texte stehen zentral für diesen Ansatz – dessen künstlerische Umsetzung im Übrigen eben gerade nicht in den beschriebenen „unterentwickelten“ Regionen des Nordostens passiert, sondern in Sao Paulo oder anderen Großstädten des Südens von der Theater-Avantgarde des Landes betrieben wird. „Agreste“ zeichnet sich durch die Einfachheit, Kargheit und Gewalt der Sprache aus. Ein anderer Autor aus dem Nordosten ist Gero Camilo, eigentlich als Schauspieler in zahlreichen Filmen („Carandiru“, „Cidade de Deus“) und Telenovelas berühmt geworden. Seine Stücke sind biographisch gefärbt, „Aldeotas“ etwa (gespielt vom Autor selbst und inszeniert von der Nova-Danca-4-Regisseurin Christiane Quito) handelt auf sehr poetische Weise vom Erwachsenwerden in einem kleinen Dorf im Hinterland, und vom sexuellen wie beruflichen Coming-Out.
Sexualität, Synkretismus, Travestie und Vermischung in jedweder – körperlicher, kultureller, politischer, gesellschaftlicher, religiöser – Hinsicht prägen die brasilianische Gesellschaft wie das brasilianische Theater. Kaum ein „politisches“ Stück, dass nicht eine sexuelle Grundierung oder sogar Geschichte verhandelt; kaum ein historisches, dass nicht sein Material „karnevalisiert“, kaum ein religiöser Akt, der nicht von den Riten und Gestalten aller anderen Religionen überlagert und schon halb eingenommen wäre. Auch die „städtischen“ Stoffe, mit denen sich Gruppen etwa in Sao Paulo oder in Rio de Janeiro befassen, prägen diese Grundelemente, die an sich vielleicht den eigentlichen Grund für Reichtum und Vielfalt der brasilianischen Theaterszene ausmachen.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Bilder

01/05
 

 

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